THG
Alt und hungrig PDF Drucken
Dienstag, 08. Juni 2010 um 14:23 Uhr

Schüler katapultieren Senioren ins PC-Zeitalter

SÜD. Heute lernt Günter Reich das Bildereinfügen. Mit seiner rechten Hand umklammert der 74-Jährige die Maus. Langsam ruckelt der Zeiger über den Bildschirm. Der Mann mit dem roten Pullover schaut angestrengt auf den Monitor.

Hinter ihm steht Sabrina Kamps (12). Die Schülerin des Theodor-Heuss-Gymnasiums hilft nach: „Drücken Sie jetzt die rechte Maustaste.“ Klick für klick arbeitet sich Günter Reich durch ihm gestellte Aufgabe.

Zum vierten Mal hat der pensionierte Bergbauingenieur heute an der Maschine Platz genommen, die für ihn am Anfang so fremd war wie ein außerirdisches Artefakt. Ein Zauberkasten aus einer anderen Zeit. Im Ökumenischen Arbeitslosenzentrum an der Magdalenenstraße will Günter Reich diesen Kasten entzaubern. Einmal in der Woche nimmt er teil am Kurs "Jung und Alt am PC". Von dem Angebot hat er aus der Zeitung erfahren. "Am Anfang war es besonders schwer", sagt der Süder. "Viele von uns hatten ja übderhaupt kein Vorwissen."

Der Kurs startete als Experiment mit ungewissen Ausgang. Können zwölfjährige Schüler, für die Chatten und Surfen so selbstverständlich ist wie Zähneputzen, ältere Menschen ohne jede EDV-Kenntnisse ins Computerzeitalter katapultieren? Nach gut einem Monat lautet die Antwort: Ja, sie können.

Die acht Senioren, die im Schulungsraum Platz genommen haben, sind motiviert bis in die grauen Haarspitzen. Hinter Günter Reich haben zwei andere Teilnehmer das Internet für sich entdeckt. Sie googlen gerade den Begriff „grillen“. Der Rechner ermittelt in 0,26 Sekunden mehr als 4,6 Millionen Treffer.

Während die Suchenden noch staunen, verkündet THG-Schülerin Lisa Hickmann schon die nächste Aufgabe: Die Kursteilnehmer sollen einen kurzen Aufsatz zum Thema „Sommer“ schreiben. „Sie haben zehn Minuten Zeit“, erklärt die Gymnasiastin streng. „Sie können in die Geschichte auch Bilder einfügen. Sie wissen ja jetzt, wie das geht.“ Gehorsam machen sich die Männer und Frauen im Großeltern-Alter ans Werk.

Mit ihren betagten Schülern sind Sabrina und Lisa zufrieden. Nur einmal wurde ihre Geduld strapaziert. „Wir haben die Desktop-Oberfläche erklärt, und in der nächsten Sitzung hatten das die meisten wieder vergessen“, berichtet Sabrina Kamps. „Jetzt fragen wir vieles mehrfach ab.“

Vize-Schulleiter Norbert Wisniewski staunt über seine Schülerinnen, die souverän in die Lehrerrolle schlüpfen: „Die entfalten hier ganz neue Talente und Kompetenzen.“

Günter Reich hat seine Geschichte fertig. Ein paar Zeilen über das Wetter, das jetzt hoffentlich bald besser wird. Eine vergleichsweise einfache Übung für den Rentner, fast wie früher, mit der ihm vertrauten Schreibmaschine.

Der Ruheständler ist hungrig. Er will mehr. Tabellenkalkulation, Bildbearbeitung, das volle Programm. Zuhause wartet sein neuer Laptop. Den hat Günter Reich zum Geburtstag bekommen. „Abends übe ich daran weiter“, sagt der vierfache Großvater. Sein nächstes großes Ziel ist das Internet: „ich werde meinen Enkeln eine E-Mail schicken. Die fallen vom Glauben ab.“ 

Von Alexander Spiess, RZ, 03.06.10

 

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